Stuttgart von unten

Beim Orangen kaufen
13.02.11

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Kehrwoche für Anfänger und Fortgeschrittene
23.01.11

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Ironischer Weltgeist
16.01.11

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Zwischen allem liegt Schneematsch, frisch und grau
31.12.10

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Kinder, Matsch, Bogen und Politik
25.12.10

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lachen, dass ihre Panzerung wackelt
14.12.10

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Schnee auf Ananas
05.12.10

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Wahnvorstellung 21
27.11.10

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Momentaufnahmen von der Absurdität des Fühlens
14.11.10

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Momentaufnahmen von der Absurdität der Gedanken
07.11.10

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Momentaufnahmen von der Absurdität des Lebens
04.11.10

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Ketten und Vorhängeschlösser
25.10.10

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Der spezielle Humor alter Männer
15.10.10

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Essen auf Schienen
26.09.10

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Wahrscheinlich nie geführtes Interview mit einem Bahnhofs- und Parkschützer
20.09.10

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Aus der Neuen Welt
14.09.10

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In der Toilette der Arnulf-Klett-Passage
07.09.10

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Oder jetzt.
02.08.10

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Schwalben in Schwaben
11.07.10

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Teilzeit-Nationalismus
27.06.10

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Leidenschaftliche Geräusche
13.06.10

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Zuhause
28.05.10

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Der Donnerstagabend
16.05.10

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Letzte Woche ohne Dienstag bis Samstag
09.05.10

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Schwesterlichkeit
28.04.10

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Stuttgart kostenlos
13.04.10

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Federnflug
05.04.10

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Das Menschliche am Tier
28.03.10

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Fetzen der unmittelbaren Vergangenheit
14.03.10

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Waschtempel
07.03.10

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Heute über gestern, morgen über heute
25.02.10

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Klassischer Familienausflug
21.02.10

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Sätze, die in Stuttgart dieses Jahr gesagt wurden
13.02.10

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Pisa lügt
10.02.10

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Rosenkranz
01.02.10

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Halali
10.01.10

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Heimfahrt
05.12.09

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In Bezug auf Stuttgart 21…
11.11.09

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Als ich auf den Stadtplan sah
05.10.09

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Heißt ja auch Fußgängerzone
06.09.09

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Paulaner und Chai
18.08.09

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Heimspiel
26.07.09

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Grüner Strich
20.07.09

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Zeitung von morgen
15.07.09

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Vom Nachtleben der Marienkäfer
02.07.09

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Multikultureller Überfall in der S-Bahn
26.06.09

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Lebensfreude
22.06.09

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Die Stimmen der Lautlosen
12.06.09

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Mutter Erde, wo bist du?
07.06.09

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Vom Stuttgarter zum Berliner Platz
25.05.09

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Mittwoch am Palast
23.05.09

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Laublos und leblos

Der Wald wirkt dünn. Unter leichtem Schneefall spazieren die Sonntagsmenschen, die Sportler joggen hindurch und atmen Schneeflocken ein. Laublos sind die Bäume im Kräherwald, so dass Spaziergänger auf die quadratischen Häuser in Botnang schauen können. Auf der Feuerbacher Heide wird Schlitten gefahren. Schneekinder freuen sich auf die Abfahrt, weil sie unten von Mami aufgefangen werden. Ein Porsche Cayenne nach dem anderen fährt vorbei. Die Villen sehen gut aus, sie haben saubere und schwere Eingangstore. Ein bisschen Gold glänzt manchmal, es ist leblos. Oft sind keine Spuren im Schnee vor dem Haus und die Fensterläden geschlossen. Spuren im Schnee machen dafür die Wanderer, Jogger, Fahrradfahrer und Hunde.

Gleichzeitig

Am Sonntagabend spielt eine Herren-Mannschaft der SG Stuttgart-West auf Schnee und Eis Fußball. Manche in kurzen Hosen. Der Torwart holt sich wahrscheinlich Schnittwunden vom scharfkantigen Eisschnee. An hohe Spielkunst ist nicht zu denken, dennoch fällt minutenlang keiner hin.
Gleichzeitig machen sich woanders andere auf dem Weg nach Hause, um rechtzeitig zum “Tatort” zuhause zu sein. Ein soziales Erlebnis für viele. Im Schocken gibts das immer noch als Zusammenfernsehkucken.
Gleichzeitig findet der Neujahrsempfang der Anstifter im Merlin statt. Diese verrückte, wohlhabende, eigensinnige, engagierte, ironische Gruppe mit dem noch verrückteren Peter Grohmann, ohne die es viele tolle Veranstaltungen in Stuttgart gar nicht gäbe.
Gleichzeitig frieren Menschen, die vom Bus nach Hause laufen. Und das Blitzeis bildet spiegelglatte Straßen. Neue Lichtreflexe werden möglich und ergeben eigenartige Bilder.
Gleichzeitig wird das Wahlergebnis in Niedersachsen Stück für Stück amtlich. Auch Stuttgarter schütteln fassungslos den Kopf über das Ergebnis der FDP.
Gleichzeitig isst irgendjemand in Schwaben eine Brezel und in China fällt ein Sack Reis um.

Grüne Welle

So wars: Noch bevor der Fritz als Oberbürgermeister Stuttgarts vereidigt wurde, musste er im großen Sitzungssaal hart durchgreifen und die Foto-Journalisten auf Abstand halten. “Sonst können wir nicht anfangen.”, hat der Fritz gesagt. Und dann bei seiner Antrittsrede war er erstaunlich locker und gelassen. Davor haben ihm die Fraktionsvorsitzenden einige Grußworte ausgerichtet. Der FDP-Fraktionsvorsitzende Bernd Klingler war gut gelaunt und machte der inhaltlichen Ausrichtung der Spaßpartei FDP alle Ehre. Sein bester Spruch: “Grün ist eine Mischfarbe aus gelb und blau.” Wahrscheinlich war er noch blau von der After-Show-Party des Dreikönigstreffens der Liberalen am Vortag. Jürgen Zeeb von den Freien Wählern trat als sympathischer, lustiger, naiver, alter Mann auf. Diese Rolle gelang ihm sehr gut.
Der Comedy-Abend war gespickt mit Lachern: Als hätten sich alle Politiker abgesprochen, wurde Wolfgang Schuster konsequent mit Prof. Schuster angesprochen. Einmal wurde sogar seine Frau als Frau Prof. Schuster begrüßt.
Im kleinen Sitzungssaal wurde der Comedy-Abend übertragen und hauptsächlich von kritischen Zuschauern angeschaut. Die Reden der CDU-, FDP- und FW-Fraktionsvorsitzenden wurden mit Zwischenrufen, Gestöhne und Buh-Rufe begleitet. Bernd Klingler (FDP) trieb bei seinem kurzen Auftritt den Zuschauern die Tränen in die Augen.
Alle haben sich beim Fritz eingeschleimt, weil es immer besser ist mit dem Gewinner befreundet zu sein als mit dem Verlierer. Weil man dann immer auch ein bisschen vom Glanz des Stars abbekommt. So wie bei Schusters Abschied in der Liederhalle vor zwei Tagen erstaunlich viele Grünen-Politiker eingeladen waren.
Durch die geschlossenen Fenster drang der Lärm der Montagsdemo in den dritten Stock. Als der Fritz vereidigt wurde, schrieen die Leute “Oben bleiben, oben bleiben!”. Und bei seiner Antrittsrede nochmal.
Im Innenhof des Rathauses parkten die Limousinen der Prominenz eng an der Wand. Ca. 10 Autos, bestimmt mind. 1 Million Euro wert. In einigen saßen die Chauffeure und langweilten sich.
Die Dorfpolizisten Perrey und Wolf stehen sich die seit Stunden die Beine in den Bauch. Wieder gibt es keine Krawalle bei der Montagsdemo. Wenigstens können sie sich ein bisschen mit einigen Dauerdemonstranten unterhalten. Man kennt sich.
Der Marktplatz war wieder fast voll von Montagsdemonstranten, die später noch über den Schloßplatz zum Wilhelmsplatz liefen. Wer den direkten Weg nahm, hatte als Fußgänger grüne Welle. Ja, der Fritz macht das jetzt immer Montagabend: Alle Fußgängerampeln auf grün, rot für alle Autofahrer.

Spät

Sie haben dunkle Augenringe, graue Haut, einen leeren Blick und abgewetzte Klamotten. Es ist der 1.11.2012, der Morgen nach Halloween. Die Drogenabhängigen treffen sich auch am Feiertag in der Nähe der Haltestelle Schwabstraße. Am Abend vorher waren die Leute noch wie Zombies angemalt; jetzt sind es die Echten. Wie nah die Dinge manchmal beieinander liegen.
“Was für eine abwertende Scheiße!”, maßregelt sich der Autor selbst. “Was wäre die Welt ohne Drogen?!” Es gäbe nicht halb so viele geniale Künstler und Musiker. Parties wären so langweilig wie Allerheiligen auf dem Friedhof, wo Katholiken traurig an den Gräbern ihrer Eltern und Großeltern stehen. Anders als in Mexiko, wo die Menschen sich verrückt kleiden, Särge und Skelette durch die Stadt tragen und ihre Toten feiern. “Das war vorhin nicht sehr nett zu den Katholiken. Jetzt musst du noch was Positives schreiben.”, sagt sich der Autor selbst. “Näh, die Katholen missbrauchen doch auch regelmäßig Kinder. Ich hasse die.”, antwortet er. “Ja das stimmt, aber nicht alle Katholiken tun das.” – “Ja, ok. Na gut.” Im mehrheitlich katholisch geprägten Bayern und Baden-Württemberg gibt es die meisten Feiertage Deutschlands. Das gefällt auch Muslimen, Atheisten und Zombies.

Fritz Kuhn stoppt Klimawandel

Eine Woche nach seiner Wahl zum Oberbürgermeister von Stuttgart hat Fritz Kuhn (Grüne) den Klimawandel in der Landeshauptstadt vorerst gestoppt. Nach einem Temperatursturz von 20°C innerhalb von sieben Tagen, fielen am Samstag bis zu 20 cm Schnee. Im Stadtgebiet kam es zu teilweise chaotischen Zuständen. Äste brachen von den Bäumen. Der Fahrer einer Mercedes S-Klasse verlor die Kontrolle über seinen Wagen und fuhr rechts ran. Das Heimspiel der Stuttgarter Kickers gegen die SpVgg Unterhaching musste abgesagt werden. Zehntausende enttäuschte Kickers-Fans gingen stattdessen Schneeschippen.
Auch in weiten Teilen Baden-Württembergs wurde der Klimawandel gestoppt. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) bestätigte auf Nachfrage, dass die Landesregierung dafür mitverantwortlich sei. Kretschmann dazu wörtlich: “Wir müssen bis 2020 die Erderwärmung im Durchschnitt um 2°C senken. Wir sehen uns in Baden-Württemberg in der Verpflichtung dieses Ziel zu erreichen und gehen mit gutem Beispiel voran – für die Zukunft unserer Kinder und Enkel.” Fritz Kuhn fügte hinzu: “Die Forderung nach einer Reduzierung der CO2-Emissionen und dem Stopp des Klimawandels haben die Grünen seit Jahrzehnten.”, sagte das Gründungsmitglied. “Nun da wir im Südwesten die absolute Macht haben, werden wir dies auch durchsetzen. Auch wenn ich in der Wahlnacht gesagt habe, dass ich ein Oberbürgermeister für alle sein möchte. Wenn es jemandem nicht passt, kann er es ja mit einem Bürgerentscheid versuchen.”
Der Oppositionspolitiker Peter Hauk (CDU) kritisierte das Vorgehen der Grünen: “Wir kritisieren das harte Vorgehen der Ökos. Sie hätten wenigstens bis November warten können. Die Leute hatten noch nicht einmal Zeit Reifen zu wechseln und neue Schneeschaufeln zu kaufen.” Der unterlegene OB-Kandidat Sebastian Turner aus Berlin sagte, er sehe sich als Gewinner, weil er Kuhn durch seinen Wahlkampf das Versprechen abgerungen habe, keine City-Maut in Stuttgart einzuführen. Aber mit Schneefall im Oktober habe selbst er nicht rechnen können.
Kuhn hingegen ist überzeugt, das Richtige getan zu haben. “Neue Zeiten brechen an. Deswegen wird der erste Schnee des Winters in den kommenden Jahren immer am Wochenende der Zeitumstellung fallen.” Wolfgang Schuster zeigte sich enttäuscht: “Ich war auf eine geordnete Amtsübergabe eingestellt”, sagte der abgewählte OB zu seinem Nachfolger Kuhn, der erst am 7. Januar 2013 die Amtsgeschäfte übernehmen wird.
Die Grünen beweisen so einmal mehr ihre Regierungsfähigkeit und Durchsetzungsmacht. Damit werden sie wohl auch in Zukunft für immer mehr Bürger wählbar. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat im Kreise ihrer Vertrauten bereits beraten, ob sie den Klimawandelstopp auch in Berlin oder ihrem Wahlkreis Stralsund vorrübergehend einführen soll, um das Wählerpotential der Grünen – die bürgerliche Mitte – für die Bundestagswahl 2013 abzuschöpfen. Zumindest bei den sensiblen Berlinern ist es fraglich, ob sie mit so einem radikalen Wechsel zurecht kommen würden.

Zwei Radtouren

Vom Aussichtspunkt auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz auf der Alb bei Münsingen sind Büsche und Wälder und Felsen und Heiden und niedrige Türme auf Hügeln zu sehen. Schön bunt im Spätsommer. Warm, ruhig und entspannend. Unsichtbar liegen die Granatsplitter im Gras, steckt die Munition in der Baumrinde, kauern die verblichenen Soldaten hinter den Büschen. Das Kettenrasseln der Panzer dringt aus der Vergangenheit. Der Aussichtspunkt ist wahrscheinlich ein ehemaliger Bunker. Es ist die höchste Erhebung, das zu Fuß oder Fahrrad erreichbar ist. Am Rand stehen zwei Schilder: Achtung Lebensgefahr! Die Wege sind mit gelber Farbe gekennzeichnet. Sie sollten nicht verlassen werden. Dahinter Herbstlaubbäume, dünnes Gras und seltene Flechten an Felsen. Lebensgefahr kaum vorstellbar. Aber wie geht das überhaupt? Sich in einer Gegend wohlfühlen, wo bis vor acht Jahren noch für Kriege geübt wurde? Das Dorf Gruorn wurde 1939 geräumt, zerschossen und zerbombt – wegen und durch Militärübungen von Nazis und später Franzosen und Bundeswehr. Im Gästebuch der wiederaufgebauten Kirche sind die Familientreffen der ehemaligen Gruorner dokumentiert. Fahrradfahrerparadies, keine Autos, kein Verkehr, kein Grund anzuhalten oder auszuweichen, kilometerweit. Auf den Wegen Stille, Idylle und wenig Leben. Bis eine Schafherde im Tal grast – außerhalb der gelben Markierung. In Gedanken tritt ein Schaf auf einen Blindgänger, eine Explosion, die Herde flieht panisch, Fellfetzen fallen auf die Erde. Doch offensichtlich sind manche Gebiete sprengstofffrei. Aber das letzte Schaf der Herde humpelt.

Viel früher:

Als ich am Rotenberg einen Gang höher schaltete, weil ich nicht glauben konnte, dass der Rentner mich bergauf überholen könne, und in die Pedale trat bis ich winzige Muskelfasern in meinen Oberschenkeln zerreißen spürte und als mich sogar noch seine Frau lässig überholte, merkte ich, dass sie beide einen Elektrohilfsmotor an ihren Rädern hatten, die kaum zu sehen waren, erst da blieb ich enttäuscht zurück und fluchte über die Macht der Senioren, die sich solche Luxusartikel leisten konnten, sie ungeniert benutzten und während ihres Berufslebens womöglich sogar noch entwickelt, produziert und vertrieben haben. So macht Fahrradfahren keinen Spaß mehr!

Vom Leben in Stuttgart

Jahrzehntelang konservativ wählen und regiert werden, um dann innerhalb von drei Jahren bei Kommunal- und Landtagswahl alle alten Säcke abzuwählen, aber trotzdem regelmäßig und gewissenhaft Kehrwoche machen.
Das ist Leben in Stuttgart.


Immer die Höchsttemperaturen haben und im Winter trotzdem Schnee; und in der Innenstadt auf Weinberge blicken können und unter mächtigen Bäumen gehen können;
vom Birkenkopf oder Karlshöhe oder Hasenbergsteige oder Uhlandshöhe oder Bismarckturm versuchen das Haus zu finden, in dem man wohnt;

die neue Weinsteige runterkurven und ausländischen Gästen nach dieser einen Kurve mit dem tollen Ausblick in der Stadt willkommen heißen und jedes Mal selbst davon beeindruckt sein;
die Rotenwaldstraße im höchsten Gang mit dem Fahrrad runterrasen bis die Augen vom Fahrtwind tränen; auf der Reinsburgstraße mit dem Fahrrad ein Auto überholen.
Auch das ist Leben in Stuttgart 


Und jedes Wochenende genervt sein vom wild gewordenen Partyvolk auf der Theo; jedes Mal traurig werden beim Anblick der perspektivlosen Trinker-Szene in der Arnulf-Klett-Passage; jedes Mal erstaunt sein von den Menschenmassen in der Königstraße; jedes Mal ratlos sein beim Anblick der Pfandsammler am Eckensee;
Und über den Feinstaub im Kessel besorgt sein; die Baustellen in der Innenstadt gewohnt sein; die unzähligen Einkaufspassagen gelangweilt betrachten;
Das ist irgendwie auch Leben in Stuttgart.

Am Palast im Sommer auf dem Boden sitzen, trinken, reden, lachen; 
am Pfaffensee unter der Adlereiche den Sonntagnachmittag verbringen, liegen, nichtstun, lesen, schreiben; beim Poetry Slam in der Rosenau lachen, grübeln, fühlen, träumen, klatschen;
Im Schlossgarten die Hasen hoppeln sehen und die Gelbkopfamazonen hören und die Schildkröten im Feuersee beobachten;

am Max-Eyth-See die Lämmer am Strick um den Pflock kreisen sehen und später über dem Feuer;
im Westen die besten Butterbrezeln der Welt essen; auf eine Portion handgeschnitzte Pommes im Veggie Voodoo King hoffen; jedes Mal beim Udo Snack umdrehen, weil es zu voll ist; im Cafe Weiß abgestandene Cola trinken und mit fremden Menschen über das Leben philosophieren;
Das ist das gute Leben in Stuttgart.

Die EM nervt, Nationen sind sinnlos

Ich tu es, entschuldigt bitte, aber ich tu es. Ich halte meinen Kopf hin, ich bin mir nicht zu schade. Ich steh dazu. Ich rege mich jetzt über die Fußball-EM auf, und zwar nur ein bisschen künstlich, der Rest ist echtes Genervtsein, ja sogar Angekotztsein! Ich muss das tun, danach wird es mir besser gehen. Danke schonmal.
Diese Fähnchen, die Trikots, dieser Hype, diese Teenies mit den Nationalfarben im Gesicht und dem nervösen Blick. Lächerlich! Und die anderen, die nur mitkucken, weil es die meisten tun. Standardsatz: “Also Fußball interessiert mich ja nicht so, aber die EM und WM kuck ich schon.” Peinlich! Wenn ich davon nicht an jeder Ecke belästigt werden würde, wär es mir sowas von egal. So wie bei einer Schwimm-EM oder einer Hockey-WM. Das müssen auch nur die ertragen, die es interessiert. Ich bin dafür, dass nur noch Schwimm-EM und Hockey-WM ausgetragen werden dürfen.
Was soll eigentlich überhaupt dieser Nationen-Scheiß? Sollen die doch die besten Spieler der Welt oder Europas irgendwohin schicken, dann wählen sie ihre Mannschaften und los gehts. So haben wir das früher auf dem Bolzplatz auch gemacht.
Da waren Brüder auch immer die erbittertsten Gegner. So wie Kevin-Prince und Jerome Boateng, die vor zwei Jahren bei der WM in Südafrika gegeneinander spielten. Der eine für Ghana, der andere für Deutschland. Halb-Brüder, die beide in Berlin geboren sind, aber für zwei verschiedene Staaten spielen? Also was heißt das schon: ghanaisch, deutsch, irisch, polnisch?
Eine Fußball-EM ist sinnlos, weil Nationen sinnlos sind, weil Grenzen willkürlich sind.
Es gibt da diese Cowboy-Geschichte “Crossing” von Cormac McCarthy, naja besser gesagt ein Buch. Zwei Brüder reiten nach Mexiko, um die gestohlenen Pferde ihres Vaters zurückzuholen und haben gute und weniger gute Erlebnisse. Der jüngere Bruder wird angeschossen, verliebt sich in ein mexikanisches Mädchen und bleibt dort. Der Ältere reitet nach Amerika und wieder zurück nach Mexiko, immer über das Gebirge, wo es keine Grenze gibt. Er erfährt, dass sein Bruder erschossen wurde. Also sucht er nach der Leiche seines Bruders, um ihn zurück nach Amerika zu bringen. Er findet ihn, gräbt ihn aus und bei der Rückreise fragt er sich, warum er das tut. Warum ist es wichtig, in welchem Land er begraben ist? Ein Mensch hat vor der Geburt keine Nationalität, er hat nach dem Tod keine Nationalität. Wozu braucht er eine für die Zeit dazwischen?

Der Regenbogen so nah

Aprilregen wäscht die Pollen aus der Luft und auf die Straße und in die Pfützen,
schlägt Blütenblätter von den Bäumen und spült sie an den Straßenrand und verstopft die Kanäle.
Jeden Tag fünf verschiedene Wetter.
Sonne, Regen, Wolken, Nacht und Melancholie.
Dieses Gefühl, wenn nasse Jeans beim Fahrradfahren an den Oberschenkeln klebt.
Der Geruch von sich trocknendem Asphalt.
Der Regenbogen ist so nah, dass die Häuser dahinter rot-gelb-grün-blau-violett erscheinen.
Manche versuchen bis an das Ende eines Regenbogens zu laufen.
Sie landen alle in ca. Stuttgart-Mönchfeld.

Der Feuersee ist wieder flüssig

“Oh, schön, die Straßen sind ja weiß!”, dachte der Stadtmensch, bevor er merkte, dass sie nicht weiß vom Schnee waren, sondern von den Salzrückständen des Streusalzes. Des vielen Streusalzes. Der hunderten Tonnen.
Der Neckar fror zu, die Eisschollen wurden zugeschneit. Träge wie Gelee kullerte der Fluss talwärts, die verschneiten Eisschollen waren wie Haut auf gekochtem Pudding.
Auf dem Feuersee spazierten die Paare, spielten die Kinder Pinguin und die Erwachsenen Hockey. Mit wackeligen Knien lief ein Mann einer Frau hinterher, aber nur weil sie besser Schlittschuh laufen konnte. Eine Mutter schippte die Eislaufbahn schneefrei bis sie schwitzte. Eine Mischung aus Kehrwochesucht und sportlichem Ehrgeiz zwang sie wohl dazu.
Jetzt ist das Eis getaut, der Neckar fließt, der Feuersee ist wieder flüssig und die Salzrückstände sind weggewaschen.

In der S-Bahn klärt einer einen Termin am Mobiltelefon. Menschen lesen, tippen auf Internetfonen, wärmen ihre Hände an Kaffeebechern. Schöne Frauen mit Schals steigen ein. Alles wie immer.

Manchmal – wenn ich eine stark und auffällig geschminkte Frau sehe – denke ich mir: Schade, dass sie sich selbst so hässlich findet, dass sie denkt das tun zu müssen.
Oder habe ich da was falsch verstanden?