Das Leben in Kürze

Bekanntschaft
Leidenschaft
Schwangerschaft
Mutterschaft
Vaterschafts-
klage
Tage
Plage
Trage
Sarg

Ein melancholisches Leben erzählt in Liedzitaten (in Englisch)

Melancholy life told with song citations

Nick Cave sings:

“All little children they have to die.”

Cat Stevens sings:

“From the moment I could talk, I was ordered to listen.”

Jeff Buckley sings:

“Too young to hold on, too old to just break free and run.”

Trent Reznor sings:

“Every one I know goes away in the end.”

Johnny Cash sings:

“I found him by the rail road track this morning. I could see that he was nearly dead.”

Durch die Scheibe

Sonntag morgen in der U-Bahn sitzen die Passagiere einzeln am Fenster, akkurat symmetrisch zum Mittelgang. Jeder setzt sich immer am liebsten ans Fenster in Fahrtrichtung. Denn dann rast diese lebendige und beängstigende Welt an der Scheibe mit genügend Abstand einfach vorbei und keiner wird hineingezogen in den Strudel des Lebens. Nick Cave singt in die Kopfhörer: “Nor does HE care for you to sit at windows in judgement of the world HE created. While sorrows pile up around you – ugly, useless und overinflated.” Du kannst durch die Scheibe die Welt zwar beurteilen, aber das bringt dir nichts, wenn sich deine hässlichen, unnützen und aufgeblähten Sorgen hinter dir auftürmen.
Manche sitzen ihr Leben lang an dieser Scheibe und fahren die Strecken, die ihnen die Gleise vorgeben; steigen aus, wenn es ihnen die Haltestellen zulassen. Und manche springen voller Freude durch die Scheibe in das Leben dahinter.

Beim Orangen kaufen

Ein kleiner Stand im Hauptbahnhof verkauft Dinge aus Indien, Nepal und Indonesien. Ein Sarong fällt auf und ist gekauft.
Alleine der Geruch löst die Erinnerungen aus: Es ist der gleiche Geruch wie in den Silk Shops in Varanasi. Tücher, Lungis, Saris. Dann die ganze Straße, der Chai, das Puja, die Tempel, die Imbissbuden und die Gelassenheit der Inder.
Die Erinnerungen kommen von unten. Unbeschreiblich, aber fühlbar. Eine kommt von ganz unten: die Erinnerung an den Obststand und den Verkäufer; an die Europäer, die es gewohnt sind den doppelten Preis zu zahlen, aber nicht den fünffachen. Und in ihrer arrogant-wissenden Art zu viel handeln bis der Verkäufer in seiner gelassen-wissenden Art fragt, ob sie glücklich sind: “Are you happy?” Erst bei der gedanklichen Beantwortung der Frage wird klar, worauf es wirklich ankommt, auch beim Orangen kaufen.
Steht das eigentlich im Lehrplan zur Ausbildung zum Einzelhandelskauffrau/ -mann? “Bist du glücklich?”
Jemandem etwas Gutes geben und ihn glücklich zu machen anstatt von jemandem Geld nehmen, um selbst glücklich zu sein.
Ein Euro für ein Glas frisch gepressten Orangensaft, der fünffache Preis, Spezialpreis für Europäer in Nordindien – aber ist das wirklich zu teuer?

und unten

und unten beginnt das Leben
von unten schaut der Säugling seiner Mutter ins Gesicht
und trinkt von ihrer Brust
von unten streckt er die Beinchen in die Luft
und tastet sich ins Leben
denn die Welt sieht noch groß aus

zwischen Geburt und Tod taumelt jeder durch das Leben
auf zwei dünnen Beinen und mit wackelndem Kopf
mit unruhigem Blick und zitternden Gedanken
sucht jeder nach Beständigkeit und findet Veränderung
und die Wahrheit liegt dazwischen

denn die Welt erstarrt
und pflegen ihn die Verwandten und die Fremden
von unten schaut der Sterbende in die Gesichter seiner Besucher
und treibt der Schmerz die Tränen in die Augen
von unten sieht der Sterbende die Zimmerdecke und das Licht
und unten endet das Leben

von unten

von unten
lodert das Feuer
das den Grund verbrennt
von unten
steigt der Rauch auf
der bis zum Himmel stinkt

von unten
steigt die Wut auf
denn sie brodelt im Bauch
von unten
lebt der Hass
dessen Wurzeln brennen

von unten
rumort der Unmut der Mutlosen
in den Körpern der Kopflosen
unverstanden von den Verkopften

von unten
ist unten immer oben

von unten
wächst das Gras
nicht die Blüte
von unten
keimt die Saat
sprießt die Graswurzel
entsteht das Leben

von unten
strahlt das Bauchgefühl
kommt die Intuition
nicht vom Kopf
von unten
strahlt die Wärme
die sich verbreitet

von unten
dringt die Güte der Gleichmütigen
durch die Schichten des Schlechten
verstanden von den Glücklichen